Quantcast
Channel: SPREEBLICK
Viewing all articles
Browse latest Browse all 158

Suchmaschinen und sexistische Kackscheiße

$
0
0

Macht euch mal den „Spaß“. Hier haben es vier Personen an verschiedenen Geräten, mit und ohne Google-Account ausprobiert, und wir kommen zu den mehr oder weniger gleichen Ergebnissen: Gebt verschiedene Vornamen in eine Suchmaschine ein, bei der ihr „Safe Search“ abgeschaltet habt, und vergleicht die Ergebnisse der Bildersuche. Und dann versucht mal, mir zu erklären, dass der ganze Mist nicht völlig kaputt wäre.

Es ist nämlich so: Wenn ihr bei Bing, Yahoo, DuckDuckGo oder Ecosia (noch einmal: mit „Safe Search Off“) für Männer typische Vornamen eingebt, erhaltet ihr bei den Bildergebnissen „ganz normale“ Fotos von Männern, die vermutlich den eingegebenen Vornamen tragen. Gebt ihr aber einen Vornamen ein, der als eher weiblich gelten kann, dann erhaltet ihr schon auf der ersten Ergebnisseite: Mindestens nackte Brüste und Hintern, und ziemlich schnell auch Pornografie. Bis ihr bei den Männervornamen auch nur den ersten nackten Männerhintern seht, müsst ihr hingegen eine ganze Weile blättern und scrollen.


Ergebnisse für „Hannah“ bei Ecosia


Ergebnisse für „Luna“ bei Ecosia


Ergebnisse für „Hannah“ bei Duckduckgo


Ergebnisse für „Luna“ bei Duckduckgo

Bei Google sieht die Sache etwas anders aus. Ebenfalls mit „Safe Search Off“ findet ihr bei weiblichen Vornamen zunächst wenig(er) nackte Haut und kaum Pornografie.


Ergebnisse für „Hannah“ bei Google


Ergebnisse für „Luna“ bei Google

Zum Vergleich noch ein paar Männernamenergebnisse:


Ergebnisse für „Harry“ bei Duckduckgo


Ergebnisse für „Harry“ bei Ecosia


Ergebnisse für „John“ bei Ecosia


Ergebnisse für „John“ bei Duckduckgo

Das Internet zeigt:
Männer tragen Kleidung. Frauen eher nicht. Verharmlosend ausgedrückt.

Aus diesen Beobachtungen ergeben sich viele Fragen, und die erste davon lautet: Was ist das für sexistische Kackscheiße? Wir reden hier von der Suche nach Vornamen. Ohne jeden Zusatz, ohne weitere Suchbegriffe.

Selbst wenn „Safe Search Off“ bedeuten würde, dass in erster Linie pornografische Inhalte gesucht werden (was es eben nicht bedeutet), müssten auch bei männlichen Vornamen entsprechende Ergebnisse geliefert werden. So ist es aber nicht. Mit Ausnahme von Google liefert jede der oben genannten Suchmaschinen (deren Ergebnisse teilweise auf Google basieren) bei so gut wie jedem Frauenvornamen – und nur bei Frauenvornamen – ein Menschen- und Gesellschaftsbild, das als sexistisch bezeichnet werden muss.

Ich kann die ganz schlauen (und männlichen) Nerds natürlich rufen hören: Jahaha, so ist eben die Welt! The Internet is for Porn, haha, schenkelklopf. Aber wer würde auf der Suche nach Pornografie oder Nacktheit nur einen Vornamen eingeben? Und was ist mit denen, welche einfach nur die jeweils männlichen und weiblichen Namen von Charakteren aus TV-Serien, Filmen, Bands suchen? Mit denen, die Autorinnen und Autoren, historische Persönlichkeiten, Politiker*innen suchen? Die müssen halt erstmal durch Seiten meist unbekannter nackter Personen scrollen, die angeblich relevanter als viel prominentere Personen sind? Sollte es nicht umgekehrt sein? Müssten nicht die, die mit der Suche nach einem Vornamen tatsächlich auf Nacktheit hoffen, einfach ihre Suche klarer formulieren als nur mit einem Vornamen? Die Ergebnisse der Bildersuche bei eher männlichen und eher weiblichen Vornamen müsste zudem wenigstens annähernd vergleichbar sein, das ist sie aber nicht.

Nehmen wir trotzdem mal an, die meist angeklickten Ergebnisse bei einer Suche nach Vornamen wären bei weiblichen Namen die Fotos mit nackter Haut, und daher würden Suchmaschinen diese als relevanter einstufen. Dann könnten wir Suchmaschinen auch gleich „Pawlow“ nennen und uns fragen, ob die Ergebnisse auf tatsächlicher, inhaltlicher Relevanz oder auf menschlichen Reflexen basieren – und was davon wir wollen. Und es müssten bei den Ergebnissen der männlichen Vornamen doch mindestens auch bekannte und als attraktiv angesehene Schauspieler auftauchen. Dem ist aber auch nicht so.

Und nehmen wir trotzdem weiter an, dass die Ergebnisse von Bing, Yahoo, DuckDuckGo und Ecosia „echter“ sind, also die wahren Vorlieben des gesamten Internets abbilden. Dann bleibt die Frage: Warum reflektiert Google das nicht ebenso? Die einzig mögliche Schlussfolgerung aus der Annahme, dass die erstgenannten Suchmaschinen ein wie auch immer definiertes „realistisches“ Ergebnis zeigen, wäre: Google manipuliert die Ergebnisse (es wäre nicht das erste Mal, dass dieser Vorwurf im Raum steht). Und wenn doch aber die Ergebnisse anderer Anbieter ebenfalls auf der Google-Suche basieren, müssten sie dann nicht ebenso …?

Mich lassen die Ergebnisse dieser kleinen Recherche, die mit Sicherheit nicht vollständig ist und die mit einer zufälligen Beobachtung startete, zuerst wütend, dann ziemlich ratlos zurück. Denn es ist ja nicht nur so, dass Suchmaschinen einen Status Quo wiedergeben, sondern – viel wichtiger, viel gefährlicher – sie manifestieren Strukturen, die sich aus einem angeblichen Verhalten der Masse ergeben. Wer als 18-Jähriger oder als 70-Jährige männliche Vornamen eingibt, bekommt Anzüge und Krawatten zu sehen. Und bei den weiblichen Vornamen nackte Brüste. Das ist purer Sexismus, der so nicht nur abgebildet, sondern manifestiert wird.

Was bedeutet das alles für die nahe Zukunft, für die Zukunft und Bildung der Generationen, die ihr Weltbild, ihren Eindruck von der Gesellschaft umfaassend übers Internet formen? Stellen wir uns mal kurz vor, diese Suchmaschinen wären in Zeiten der „Hexen“-Verfolgung entstanden. Normal? So ist eben die Welt? Und wie lange wäre dieser Zustand als „normal“ manifestiert geblieben? Ein weiterer Gedanke: Mindestens regional, also in unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen, dürften sich Suchergebnisse stark voneinander unterscheiden. Wenn aber mit solchen Suchergebnissen in jedem Land ein allein aus Internet-Klicks resultierender Status Quo widergespiegelt wird – wie sehr werden sich dann Vorurteile, Ressentiments, Klischees in den kommenden Jahren noch vertiefen?

Die wenigsten von uns kennen die genauen Mechanismen hinter den Suchmaschinen. Dass sie völlig ohne Beeinflussung funktionieren, ist äußerst unwahrscheinlich, denn sonst wären die Ergebnisse mindestens ähnlich. Das hier aufgeführte Beispiel mit einer so harmlosen Suche wie der nach Vornamen zeigt so unausgewogene Ergebnisse, dass man sich automatisch fragen muss, in welcher Form eine Online-Recherche bei wirtschaftlichen, politischen und allen anderen Themen überhaupt als irgendwie verlässlich oder relevant gelten kann. Denn wieso sollte sie dort sinnvoller, unbeeinflusster sein als bei Vornamen?

Ich habe keine Lösung, keine Antworten auf die Fragen, die sich mir stellen. Ich befürworte weder Suchergebnisse allein anhand von Klickhäufigkeit noch Beeinflussung oder Zensur durch private Anbieter. Doch einmal mehr zeigt die hier geschilderte Beobachtung die unfassbare Macht, die Suchmaschinen bzw. die angezeigten Ergebnisse auf Kulturen und Gesellschaften haben. Die Fragen nach Manipulationsmöglichkeiten, politischer Propaganda, Beeinflussung durch marktmächtige Unternehmen stellt sich nicht allein in den Social-Media-Kanälen, nicht nur bei Facebook, Twitter oder Tiktok. Sondern zuallererst bei denen, die vermeintlich Antworten geben wollen auf die Fragen der Menschheit.

Anmerkungen zu den Screenshots: Die Verpixelungen habe ich aus Jugendschutzgründen vorgenommen. Ein paar „ganz normale“ Portraits habe ich verpixelt, weil es sich um minderjährige Personen handeln könnte. Die Suchbegriffe „Harry“ und „Luna“ habe ich wegen der Harry-Potter-Charaktere gewählt. Dass Ganze ist ein subjektiver „Test“, der keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, probiert es gerne selbst aus und schreibt eure Eindrücke in die Kommentare.


Viewing all articles
Browse latest Browse all 158